Mit Mohammadreza Hajhashemi begrüßt der Cartagena Verlag einen neuen Autor. Sein erstes Buch trägt den Titel „Der Feigenbaum“ und spielt in Palästina.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Yaser und Maya, zwei Jugendliche, deren Freundschaft an einem Teich beginnt. Was für beide zunächst etwas Leichtes und Persönliches ist, gerät zunehmend in den Einfluss einer Welt, in der Herkunft, Grenzen, Misstrauen und politische Spannungen längst zum Alltag gehören.
Yaser wächst in einem palästinensischen Dorf auf. Seine Familie ist eng mit dem Land verbunden, auf dem sie seit Generationen lebt. Eine besondere Bedeutung hat dabei ein alter Feigenbaum. Er gehört zur Geschichte der Familie und ist für Yaser weit mehr als nur ein Baum. Unter seinen Zweigen hat er viel Zeit mit seinem Großvater verbracht, dort liegen Erinnerungen, Geschichten und Dinge verborgen, deren Bedeutung sich erst nach und nach erschließt.
Maya lebt auf der anderen Seite der Hügel in einer israelischen Siedlung. Die beiden begegnen sich zunächst zufällig an einem Teich, der zwischen ihren Lebenswelten liegt. Aus vorsichtiger Neugier entsteht eine Freundschaft. Sie reden miteinander, bringen sich Wörter aus ihren Sprachen bei, werfen Steine über das Wasser und entdecken, dass vieles von dem, was ihre Umgebung trennt, für sie selbst zunächst keine Bedeutung besitzt.
Doch der Ort ihrer Begegnungen ist kein neutraler Raum. Für die Menschen auf beiden Seiten ist er mit Erinnerungen, Vorbehalten und Konflikten verbunden. Was für Yaser und Maya zu einem Ort der Ruhe wird, ist für andere längst Teil einer Wirklichkeit, in der Herkunft darüber entscheidet, wie ein Mensch wahrgenommen wird.
„Der Feigenbaum“ erzählt dabei nicht von Politik als abstraktem System, sondern von ihren Auswirkungen auf das Leben einzelner Menschen. Im Zentrum stehen Freundschaft, Familie, Erinnerung und die Frage, wie schnell ein Mensch in den Augen anderer zu etwas werden kann, das mit seiner tatsächlichen Geschichte kaum noch etwas zu tun hat.
Eine besondere Rolle spielt dabei ein Stein, den Yaser auf dem Weg zum Feigenhain findet. Rund, grau und ungefähr so groß wie eine Orange, möchte er ihn bemalen und Maya schenken. Was zunächst wie eine kleine, beinahe spielerische Idee erscheint, entwickelt im Verlauf der Geschichte eine ganz andere Bedeutung. Der Stein wird zu einem stillen Symbol für Erinnerung, Missverständnis und Verlust.
Auch das Motiv des Feigenbaums zieht sich durch das gesamte Buch. Seine Wurzeln reichen tief in den Boden, seine Geschichte über mehrere Generationen zurück. Er steht für Herkunft und Verwurzelung, aber ebenso für das Weiterleben von Erinnerungen. Menschen verschwinden, Geschichten verändern sich, Gerüchte entstehen – der Baum bleibt.
Gerade die Entstehung solcher Gerüchte bildet einen wichtigen Teil des Buches. Aus einzelnen Beobachtungen werden Vermutungen, aus Vermutungen Behauptungen und aus Behauptungen schließlich scheinbare Gewissheiten. Niemand kann irgendwann noch genau sagen, wo eine Geschichte begonnen hat. Trotzdem verändert sie den Blick auf einen Menschen.
Damit stellt das Buch eine einfache, aber unbequeme Frage: Was bleibt von der Wahrheit übrig, wenn eine oft genug erzählte Geschichte an ihre Stelle tritt?
Mohammadreza Hajhashemi wurde 1979 in Isfahan im Iran geboren. „Der Feigenbaum“ ist sein erstes literarisches Werk. Mit dem Buch möchte er einen Ausschnitt aus der Lebenswirklichkeit von Menschen im Nahen Osten zeigen – jenseits politischer Parolen und vereinfachender Klischees.
Für den Cartagena Verlag ist das Buch auch aus einem weiteren Grund ein besonderes Projekt. Die Printausgabe soll als zweisprachiges deutsch-farsisches Wendebuch erscheinen.
Dabei beginnt die deutsche Fassung auf einer Seite des Buches. Dreht man das Buch um, beginnt von der gegenüberliegenden Seite die Farsi-Fassung in ihrer eigenen Leserichtung. Beide Texte bewegen sich aufeinander zu und treffen sich in der Mitte des Buches.
Diese Form ist mehr als ein gestalterischer Effekt. Sie macht die Zweisprachigkeit des Projekts unmittelbar sichtbar. Keine der beiden Sprachfassungen wird zum Anhang der anderen. Deutsch und Farsi erhalten jeweils ihre eigene Buchseite, ihre eigene Leserichtung und ihren eigenen Zugang zur Geschichte.
Die deutsche und die Farsi-Fassung wurden inzwischen inhaltlich aufeinander abgestimmt. Auch der Coverentwurf ist mit dem Autor abgestimmt. Das Motiv greift mit dem Feigenbaum und dem Stein zwei der zentralen Symbole der Geschichte auf.
Einen genauen Veröffentlichungstermin nennen wir derzeit noch nicht. Die weitere Produktion der besonderen Wendebuch-Ausgabe erfolgt nach Abschluss der laufenden Verlagsprojekte.
„Der Feigenbaum“ von Mohammadreza Hajhashemi erscheint demnächst im Cartagena Verlag.

