Nutri-Score: Was sagt er wirklich aus – und was nicht?

Was sagt der Nutri-Score wirklich aus? Wie wird er berechnet, wo liegen seine Grenzen – und welchen Einfluss haben Politik und Lobbyinteressen?

Grün ist gut, Rot ist schlecht. Das lernen wir spätestens an der Ampel. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass der Nutri-Score genau mit diesem Reflex arbeitet. Ein dunkelgrünes A sieht beruhigend aus, ein rotes E eher wie die ernährungswissenschaftliche Vorstufe einer polizeilichen Gefahrenstelle.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Der Nutri-Score kann beim Einkauf tatsächlich eine nützliche Orientierung bieten. Er kann aber auch zu falschen Schlussfolgerungen führen, wenn man von ihm etwas erwartet, was er gar nicht leisten soll. Vor allem ist er kein Gesundheitssiegel.

Was bewertet der Nutri-Score überhaupt?

Der Nutri-Score besteht aus fünf Stufen: vom dunkelgrünen A bis zum roten E. Berechnet wird er anhand der Nährstoffzusammensetzung eines Lebensmittels, grundsätzlich bezogen auf 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter.

Dabei werden verschiedene Bestandteile berücksichtigt. Ungünstig wirken sich beispielsweise ein hoher Energiegehalt sowie Zucker, Salz und gesättigte Fettsäuren aus. Günstige Punkte gibt es unter anderem für Ballaststoffe, Proteine sowie bestimmte Anteile von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten.

Am Ende werden die Werte nach einem festgelegten Algorithmus miteinander verrechnet und einer der fünf Stufen zugeordnet.

Das klingt komplizierter, als es für den Verbraucher sein soll. Der soll schließlich nicht mit Taschenrechner und Nährwerttabelle vor dem Kühlregal stehen. Er sieht A, B, C, D oder E und bekommt damit eine schnelle Orientierung.

Und genau darin liegt die Stärke des Systems.

Ein A bedeutet nicht automatisch „gesund“

Hier beginnt allerdings eines der größten Missverständnisse.

Ein Lebensmittel mit einem Nutri-Score A ist nicht automatisch gesund. Ebenso wenig bedeutet ein D oder E, dass das betreffende Lebensmittel grundsätzlich ungesund ist und aus dem Einkaufswagen verbannt werden müsste.

Der Nutri-Score bewertet in erster Linie das Nährwertprofil eines Produktes nach seinem Berechnungsmodell.

Besonders sinnvoll ist er deshalb beim Vergleich ähnlicher Lebensmittel.

Stehen beispielsweise zwei Frühstückscerealien nebeneinander und eines trägt ein B, das andere ein D, kann der Nutri-Score einen schnellen Hinweis darauf geben, welches Produkt hinsichtlich der berücksichtigten Nährwerte günstiger zusammengesetzt ist.

Wenig sinnvoll wäre dagegen die Überlegung:

„Der Joghurt hat B und die Tiefkühlpizza C. Also ist der Joghurt genau eine Gesundheitsstufe besser als die Pizza.“

So funktioniert das System nicht.

Die Verbraucherzentralen weisen ausdrücklich darauf hin, dass der Vergleich vor allem innerhalb einer Produktgruppe oder zwischen Lebensmitteln mit gleichem Verwendungszweck sinnvoll ist.

Der Nutri-Score beantwortet also eher die Frage:

„Welches dieser vergleichbaren Produkte hat die günstigere Nährstoffzusammensetzung?“

Er beantwortet nicht:

„Wie gesund ernähre ich mich?“

Für diese Frage wäre ein kleiner Buchstabe auf einer Verpackung ohnehin bemerkenswert ehrgeizig.

Die Rechnung hinter dem Buchstaben

Ein weiterer Punkt wird beim schnellen Blick auf die Vorderseite leicht vergessen: Der Nutri-Score betrachtet nicht jeden Bestandteil eines Lebensmittels isoliert.

Positive und negative Komponenten fließen gemeinsam in die Berechnung ein.

Das ist grundsätzlich sinnvoll. Lebensmittel bestehen schließlich nicht ausschließlich aus Zucker oder Salz, sondern aus verschiedenen Bestandteilen.

Es bedeutet aber auch: Ein einzelner grüner Buchstabe erzählt niemals die ganze Geschichte eines Produktes.

Wer es genauer wissen möchte, kommt weiterhin nicht an der Zutatenliste und der Nährwerttabelle vorbei.

Der Nutri-Score ist damit eher die Zusammenfassung auf dem Buchumschlag. Wer wissen möchte, was wirklich drinsteht, muss das Buch trotzdem aufschlagen.

Der Nutri-Score wurde inzwischen verändert

Das Berechnungsverfahren ist nicht in Stein gemeißelt.

Die am Nutri-Score beteiligten europäischen Länder setzten ein wissenschaftliches Gremium ein, das den Algorithmus überprüfte und Änderungen vorschlug. Die aktualisierten Bedingungen traten Ende 2023 in Kraft.

Dabei wurde das System in verschiedenen Bereichen nachgeschärft. Unter anderem sollen Lebensmittel mit viel Zucker oder Salz stärker differenziert werden. Auch bei Getränken änderte sich die Bewertung. Wasser bleibt dabei das einzige Getränk, das die beste Bewertung A erreichen kann.

Interessant ist beispielsweise der Umgang mit Süßstoffen. Getränke mit bestimmten Süßungsmitteln erhalten nach dem überarbeiteten Verfahren zusätzliche ungünstige Punkte. Damit soll verhindert werden, dass Hersteller allein durch den Austausch von Zucker gegen Süßstoffe automatisch eine deutlich bessere Bewertung erzielen.

Man kann über solche Entscheidungen streiten.

Und genau das geschieht.

Wenn Wissenschaft auf wirtschaftliche Interessen trifft

Lebensmittelkennzeichnung findet nicht im luftleeren Raum statt. Wo Regeln darüber entscheiden, wie ein Produkt auf der Vorderseite seiner Verpackung erscheint, sind wirtschaftliche Interessen zwangsläufig betroffen.

Der Lebensmittelverband Deutschland veröffentlichte bereits 2019 einen Katalog mit zehn Forderungen zum Nutri-Score. Dazu gehörten unter anderem Änderungen am Berechnungsverfahren, die Sicherstellung der Freiwilligkeit und die Berücksichtigung bestehender Ernährungsempfehlungen.

Im Februar 2020 erklärte der Verband anschließend selbst, dass wesentliche Forderungen vom damaligen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sowie von Ministerien anderer beteiligter Länder aufgegriffen worden seien.

Das ist zunächst einmal Interessenvertretung – und Interessenvertretung ist in einer Demokratie weder verboten noch automatisch verwerflich.

Interessant wird es trotzdem, wenn man sich anschaut, wer welche Änderung möchte und wem sie wirtschaftlich nutzen könnte.

Ein besonders anschauliches Beispiel liefert der Umgang mit Süßstoffen.

Der Süßstoff-Verband wandte sich 2024 an Bundestag und Bundesregierung und forderte, die ungünstigere Bewertung von Süßstoffen in Getränken wieder zurückzunehmen. Im Lobbyregister des Deutschen Bundestages ist dieses Regelungsvorhaben dokumentiert.

Man muss daraus keine Verschwörung konstruieren. Die Beteiligten schreiben ihre Interessen schließlich selbst ins Register.

Der Verbraucher darf sich trotzdem fragen, warum bei einem vermeintlich simplen Buchstaben auf einer Lebensmittelpackung Wissenschaftler, Ministerien, Verbraucherorganisationen und Wirtschaftsverbände so engagiert miteinander ringen.

Die Antwort ist ziemlich einfach:

Ein A verkauft sich vermutlich angenehmer als ein D.

Und warum ist der Nutri-Score nicht einfach Pflicht?

In Deutschland wurde der Nutri-Score im Herbst 2020 eingeführt. Seine Verwendung ist jedoch freiwillig.

Damit entsteht eine etwas eigentümliche Situation.

Der Staat erklärt den Verbrauchern, dass eine zusätzliche Kennzeichnung die Orientierung beim Einkauf erleichtern kann. Gleichzeitig entscheidet der Hersteller, ob diese Orientierung auf seinen Produkten überhaupt erscheint.

Allerdings wäre es zu einfach, dafür allein der jeweiligen Bundesregierung den Schwarzen Peter zuzuschieben. Die Lebensmittelkennzeichnung ist weitgehend europäisch geregelt. Deutschland konnte den Nutri-Score deshalb nicht einfach im nationalen Alleingang als verpflichtende Kennzeichnung für sämtliche Lebensmittel vorschreiben.

Das Ergebnis bleibt für Verbraucher trotzdem unbefriedigend: Im Supermarkt findet man den Nutri-Score auf manchen Produkten und auf anderen nicht.

Die Verbraucherzentrale stellte bei einer Untersuchung von 1.451 Lebensmitteln fest, dass lediglich 579 Produkte einen Nutri-Score trugen. Das waren rund 40 Prozent.

Eine Orientierungshilfe, die nur dort hängt, wo jemand freiwillig das Schild aufstellt, hat naturgemäß Grenzen.

Ist der Nutri-Score deshalb nutzlos?

Nein.

Das wäre die andere Übertreibung.

Wer zwei vergleichbare Produkte vor sich hat, kann mit dem Nutri-Score sehr schnell erkennen, welches davon nach den Kriterien des Systems die günstigere Nährstoffzusammensetzung besitzt. Dafür wurde er entwickelt – und dafür kann er hilfreich sein.

Problematisch wird es erst, wenn aus dieser Orientierungshilfe ein vermeintliches Gesundheitsurteil gemacht wird.

Ein grünes A ersetzt weder die Zutatenliste noch die Nährwerttabelle und schon gar nicht den eigenen Blick auf die gesamte Ernährung.

Vielleicht ist genau das die vernünftigste Art, mit dem Nutri-Score umzugehen:

ansehen, einordnen – und anschließend trotzdem die Packung umdrehen.

Denn auf der Vorderseite eines Lebensmittels steht häufig das, was wir möglichst schnell sehen sollen.

Auf der Rückseite steht meistens das, was wir wissen sollten.


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Cartagena Verlag

Quellen und weiterführende Informationen

Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Informationen zum Nutri-Score, Berechnungsverfahren und zur Weiterentwicklung des Systems.

Verbraucherzentrale: „Nutri-Score – bietet Orientierung, wird aber zu selten angegeben.“ Marktcheck mit 1.451 untersuchten Produkten; 579 davon trugen einen Nutri-Score.

Lebensmittelverband Deutschland: „Nutri-Score: Wichtige Forderungen des Lebensmittelverbands berücksichtigt“, 28. Februar 2020. Der Verband beschreibt dort selbst, dass wesentliche seiner Forderungen von BMEL und weiteren europäischen Ministerien aufgegriffen wurden.

Deutscher Bundestag – Lobbyregister: Stellungnahme des Süßstoff-Verbandes zur „Rücknahme der negativen Bewertung von Süßstoffen in Getränken“, 2024. Die Stellungnahme ging unter anderem an Bundestagsabgeordnete und das damalige BMEL.

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